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Halbzeit

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Drei Monate sind nun um. Bei einem sechsmonatigen Sabbatical bedeutet das wohl Halbzeit. Verrückt, einerseits vergeht die Zeit wie im Flug, andererseits habe ich auch das Gefühl ich bin schon ewig hier und unterwegs.

Was mir gelegentlich fehlt

Und ja, es gibt ein paar Dinge die ich vermisse. Für mich selbst nicht sehr überraschende Dinge.

Ich vermisse es ein richtiges Zuhause zu haben. Selbst wenn ich irgendwo länger als zwei Nächte bleibe schmeckt es immer nach Wiederaufbruch. Wenn ich irgendwo länger als zwei Tage bin packe ich normalerweise den ganzen Rucksack aus und verteile meine fünf T-Shirts und das bisschen andere Zeug großzügig im Raum. So richtig gemütlich wird es dadurch aber meistens auch nicht.

Mir fehlen feste und echte Bezugspersonen. Freunde und Familie, auch wenn wir verhältnismäßig viel Kontakt haben. Man lernt unterwegs jede Menge Menschen kennen, aber es ist natürlich etwas anderes. Es ist manchmal anstrengend und ermüdend immer wieder das Gleiche über sich zu erzählen und immer wieder ähnliche Geschichten zu hören. Und selten geht es über Smalltalk hinaus.

Mir fehlt es Gastgeber zu sein. Ich liebe es Freunde zu mir nach Hause einzuladen und dann aufwändig zu kochen und alles für den Besuch vorzubereiten. Oder auch für mich selbst zu kochen. Ich mag kochen wohl wirklich gerne.

Mir fehlt das alles sauber ist. Sauberkeit wird hier ein bisschen anders ausgelegt und Handtücher, Bettlaken oder Badamaturen sehen schon mal gerne aus wie Sau.

Mir fehlt ein geregelter Tagesablauf gleichermaßen wie mal einfach nichts zu tun. Ich muss eigentlich nur irgendwo zu einer bestimmten Uhrzeit sein, wenn ich einen Zug, ein Flug oder einen Bus erreichen muss. Und ja, das ist toll. Aber manchmal fehlt mir ein bisschen zu wissen was in den nächsten Tagen passieren wird. Und unterwegs habe ich immer das Gefühl ich muss irgendetwas unternehmen. Oft ist das nicht viel. Sightseeing oder durch die Stadt laufen oder andere Reisende treffen. Und natürlich ist das alles nicht schlecht. Aber einfach mal einen ganzen Tag im Zimmer vertrödelt und fern gesehen habe ich nicht mal als ich mir den Magen verdorben habe. Nichts macht man immerhin zu Hause auch manchmal, unterwegs fühlt sich das aber komischerweise nach verschwendeter Zeit an.

Was ich anders machen würde

Ich würde mir mein iPhone zum Beispiel nicht klauen lassen und wenn doch, würde ich nicht drei Stunden ergebnislos auf der Polizeistation verplempern. Nha Trang würde ich generell nicht dringend besuchen.

Ich hätte keine Tour durchs Mekong Delta gebucht. Touren generell vermeide ich. Manchmal geht es nicht anders aber in der Regel ist es furchtbar Teil einer großen geführten Tour zu sein. Für mich jedenfalls. Ich finde mich lieber selbst zurecht.

Ich hätte keine fünf Minuten in Victory Hill in Kambodscha bleiben sollen. Hätte ich gewusst, dass in diesem Teil von Sihanouk Ville vor allem Sextouristen unterwegs sind hätte ich keine fünf Nächte dort gebucht. Ich buche immer noch meistens im voraus über Agoda meine Unterkünfte. Meistens ist das sehr problemlos und günstig. Aber nicht mehr für mehrere Nächte. Oder nur wenn ich die Gegend oder das Hotel kenne oder eine Empfehlung dafür habe.

Was mein Budget so macht

Rechne ich mein ersetztes iPhone und die Klamotten die ich mir in Hoi An hab schneidern lassen aus bin ich ziemlich gut im Budget. Woran ich nicht spare ist die Unterkunft. Ich brauche ein Fenster in meinem Zimmer, ich möchte dass Zimmer und Hotel einigermaßen sauber und freundlich sind. Außerdem zentral. Damit bekomme ich zwar nicht immer die günstigste Unterkunft der Stadt aber mehr als 15€ zahle ich sehr selten für eine Übernachtung inklusive Frühstück. Essen und Trinken ist der größte Posten, dicht gefolgt von Unterkunft. Transport und Annehmlichkeiten wie Massagen oder auch Datenvolumen für mein Telefon, Klamotten und Wäsche und Eintritte folgen. Immer mal wieder kommen kleinere Ausgaben wie Zahnpasta, Duschgel etc. dazu und größere wie Visa-Gebühren.

Meistens lasse ich meine Wäsche waschen, gelegentlich mache ich Handwäsche. Aber auch wenn ich ein Langzeitreisender bin möchte ich weder so riechen noch auf den allerersten Blick als „schäbiger“ Backpacker erkannt werden. Generell kann man sagen, dass mein Budget von durchschnittlich 40€ pro Tag sehr komfortabel ist und wirklich reicht.

Was mir überhaupt nicht fehlt

Lustigerweise fehlt mir der ganze Tand den ich zu Hause so habe überhaupt nicht. Meine rund zehn Kilo Gepäck in meinem 35-Liter Rucksack und meine Umhängetasche mit Inhalt sind völlig ausreichend. Manchmal sogar etwas zu viel. Ich lerne, dass man nicht so viel Kram braucht wie man immer denkt. Das meiste ist nur Ballast.

Deutsches Brot! Ich muss immer lachen wenn das jemand sagt nur weil er mal zwei Wochen im Ausland ist. Wahrscheinlich sind das die Menschen die Brot üblicherweise aufgeschnitten in Tüten kaufen.

Überhaupt deutsches Essen. Es stimmt schon gelegentlich überfällt mich auch mal die Lust auf westliches Essen und meistens gebe ich dieser Lust auch nach. Ich habe also schon ein paar sehr schlechte Pizzen und nur ein oder zwei gute, ein paar Burger mit Pommes und ein mal Pasta gegessen. Meistens war es eher enttäuschend und reicht dann auch für die nächsten Wochen. Richtig deutsches Essen brauche ich überhaupt nicht. Ein tolles Steak zu finden hat mich ein paar schlechte ausprobieren lassen und in Hanoi in einem Steakhouse zu westlichen Preisen dann tatsächlich finden.

Wenn ich aber hier für 0,5$ ein Banh Mi, für 2$ eine gute Pho, Bun Cha für 3$ oder für 5$ ein unglaublich leckeres Barbecue bekomme bin ich immer besänftigt. Und wenn ich an Kambodscha denke, wo es am Strand für 5$ einen Riesenteller frisch gefangene King Prawns mit Salat und Kartoffel, mit Knoblauchbrot und einem Bier gibt, dann denke ich ich muss da nochmal hin. Oder an die Krebse in Kep

Vietnamesisches BBQ

Vietnamesisches BBQ in Hanoi

Schlechtes Wetter und Regen hatte ich hier jetzt auch schon ein paar Mal, so dass mir das nicht wirklich fehlen kann. Würde es auch sonst nicht.

Ich sollte das vielleicht nicht schreiben und es überrascht mich selbst etwas wenn ich ehrlich bin aber arbeiten fehlt mir nicht. Ich dachte es würde mir fehlen. Etwas zu tun, etwas erledigt zu bekommen. Aber noch kann ich ganz gut ohne.

Meine persönlichen Highlights

Die ganze Reise selbst ist schon ein Highlight, aber ich habe auch ein paar Dinge erlebt die noch ein bisschen besonderer als nur besonders sind.

Schon ganz am Anfang, nur ein paar Tage nach meiner Ankunft in Bangkok habe ich mit dem heiligen Sak Yant, gestochen von Luang Pi Nunn, einem der geachtetsten Tattoo-Mönche in Thailand ein Erlebnis genossen, das mir nicht nur wegen des daraus resultierend Hah Taew Yants für immer unvergesslich bleibt.

Ich habe Angkor gesehen! Ich wollte immer schon Angkor sehen. Ich hatte einen verregneten Sonnenaufgang über Angkor Wat ohne die Sonne zu sehen und ich hatte einen wirklich schönen am nächsten Tag. Ich war fast alleine, als ich durch Ta Phrom schlenderte und ich habe mit einer Nonne gebetet. Sie hat mich gesegnet und mir ein langes und gesundes Leben erbeten.

Ich habe mich mit der hässlichen Seite Kambodschas beschäftigt, habe Tuol Sleng und Choeung Ek besucht. Ich habe versucht das auf mich wirken zu lassen und habe versucht zu verstehen wie es wohl gewesen sein muss hier zu leben vor gar nicht allzu langer Zeit.

Ich hab am letzten, abgelegenstem Strand von Sihanouk Ville den Nachbarn meiner Eltern getroffen. Wenn man in seinem Guesthouse sitzt und auf einmal in tiefstem bayrisch aus dem Nichts gefragt wird „Bist du nicht die Tochter von meinem Nachbarn?“ ist das schon ein Highlight.

Ich bin mit dem Motorbike durch den Dschungel von Phu Quoc gefahren und habe am Ende des Pfades die Monkeylady kennengelernt, die so einsam und so gastfreundlich war, dass ich sogar den Whiskey in dem ein kleiner Affe eingelegt war nicht bereue.

Ich bin zurück gekommen nach Vietnam nach meinem Urlaub hier 2012. Der Urlaub, der in mir großes Fernweh geweckt hat. Ich hab diesmal etwas mehr als zwei Monate hier verbracht. Hab mir Städte und Gegenden angeschaut in denen ich vorher nicht war.

Ich war zu lange in Saigon, hab mir dort auch noch eine Zahnwurzel behandeln lassen müssen. Ich hab einen längeren Zwischenstopp in Dalat gemacht und fand es wirklich schön dort. Ich fand Mui Ne so Scheisse, dass ich nach einer Nacht weiter gezogen bin und Nha Trang war auch nicht besser. Auch wenn wir hier einen tollen Abend hatten als wir spontan die Ehrengäste auf einer vietnamesischen Beachparty waren. Ich hab mich im wunderschönen Hoi An sehr wohl gefühlt und bin wegen des Dauerregens zurück nach Hanoi gekommen. Die Stadt, die mir letztes Jahr zu kalt war und in der ich ein paar zwischenmenschliche Turbulenzen hatte. Eine Stadt die wirklich großartig ist!

Von hier aus bin ich nach Sa Pa. Letztes Jahr habe ich es nicht geschafft und es wäre auch zu kalt gewesen. Ich hab mich umhauen lassen von der Natur dort. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn leider habe ich mir irgendwas eingefangen und zwei Tage komplett kotzend und drei weitere zumindest leidend verbracht.

Ich wollte nicht klassisch in die Halong Bucht weil ich sie letztes Jahr geliebt habe und Angst hatte, dass sie mir jetzt in der Touristensaison nicht so gefällt. Also bin ich nach Nam Cat Island, hab mir dort für zwei Nächte ein teures Bungalow an einem Privatstrand gemietet und hab mich ein bisschen gefühlt wie bei „The Beach“. Nur dass ich viel Geld zahlen musste, dafür aber keine Fische fangen oder abspülen und keinem schwedischen Surfer das Bein amputieren.

Und ich habe hier bisher wirklich viele nette Menschen kennengelernt. In Bangkok lief mir Christian über den Weg der schon am Ende seiner Reise angekommen war. In Phnom Penh hatte ich in der Französin Stephanie eine witzige Begleitung. Seit fast 10 Wochen reise ich immer mal wieder mit Julia, einer netten Engländerin die ich in Kep kennengelernt habe. Zwischendurch waren wir mit einem jungen englischen Pärchen zu viert unterwegs. Im Mekong Delta hatten wir einen schönen Abend mit zwei deutschen Lehrerinnen und leckerem Hot Pot. Irgendwann trennten sich unsere Wege und ich hatte ein paar wahnsinnig lustige Abende mit einem kanadischen und einem australischen Pärchen und zwei kanadischen Feuerwehrmännern. Auf dem Boot in die Halong Bucht bin ich auf vier lustige Franzosen gestoßen und in Hanoi habe ich den Australier John kennengelernt, der hier ein Strassenkinderprojekt leitet. Oder der nette Khmer, mit dem ich 12 Stunden im Bus sass und der mir von seinen Snacks und Getränken abgab. Und noch viele mehr nette Menschen mit denen man immer wieder ins Plaudern kommt.

Ich habe Hunderte von Fotos geschossen und festgestellt, dass das mit einer guten Kamera sogar Spaß macht.

Alles in allem geht es mir hier wahnsinnig gut und die Zeit viel zu schnell vorbei. Ich kann mir gerade nicht vorstellen wieder ganz normal zurück in den Alltag zu kommen. Aber ich könnte mir auch nicht vorstellen so für immer zu leben. Ich vermisse zu Hause manchmal. Was und wo auch immer zu Hause bedeutet…

4 Kommentare

  1. Es ist immer wieder ein Vergnügen deine Berichte mit Neid erfülltem Blick zu lesen! Genieße deine Zeit und denke nicht so viel über das Ende nach! Es kommt schneller als du denkst!
    LG
    Christian

  2. Schoener Bericht von einer augenscheinlich schoenen Reise. Ich hoffe das Du weiterhin viel Glueck und Spass auf deiner Reise hast…

    Geniess sie. (was Du augenscheinlich eh tust)

  3. stefan

    Sehr schoenes Halbzeitresuemee! Das mit dem jeden Tag was unternehmen kann ich mit ein paar Tagen Urlaub nachvollziehen, interessant das es bei so einer laengeren Auszeit auch so ist.
    Geniese die zweite Haelfte deiner Auszeit und ich hoffe das du noch viele spannende Dinge erlebst.

  4. Danke euch, ich lass es mir einfach noch ein bisschen weiter gut gehen… :)