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Ein Tauchgang zur Sophie Rickmers

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Ich bin nicht besonders scharf auf Wracktauchgänge. Hauptsächlich liegt das wohl an den Wracks die ich bisher betaucht habe. Meist finde ich das nach etwa 15 oder 20 Minuten recht langweilig. Bisher war ich aber auch hauptsächlich an kleineren Wracks, die meist absichtlich versenkt wurden um ein künstliches Riff und eine Unterwasser-Sehenswürdigkeit zu werden. Keines der Wracks war sehr groß und von keinem kannte ich wirklich die Geschichte.

Und dann reden auf Pulau Weh alle ganz aufgeregt von der Sophie. Die Sophie scheint etwas ganz Tolles zu sein und ein Tauchgang zur Sophie scheint etwas zu sein, über das man vorher und nachher sehr lange spricht. Ein Tauchgang zur Sophie ist tief und ich vermute es liegt hauptsächlich daran. Ich habe das schon öfter beobachtet. Die Tiefe ist für viele Taucher so etwas wie der ultimative – pardon – Schwanzvergleich. Mir war das nie so wichtig. Tief tauchen nur um später erzählen zu können, dass ich tief war. Mein bis dato tiefster Tauchgang ist 49,1 Meter. So ziemlich jeder fragt mich, warum ich die letzten 90 Zentimeter nicht gemacht habe. 50 Meter wäre doch viel cooler. Ich glaube mir fehlt dieses Gen, dass mich dazu treibt Dinge zu machen weil sie sich cool anhören.

Jedenfalls rennt seit Tagen im Tauchcenter eine Gruppe junger Männer herum (hauptsächlich DMTs und ehemalige DMTs) die von nichts anderem als Sophie sprechen. Und langsam nervt es. Aber dann sehe ich in die glücklichen, glänzenden Augen der Jungs die von der Sophie zurück kommen und dann will ich das auch! Ich fange an zu recherchieren was es damit auf sich hat.

Die Sophie Rickmers ist ein ehemaliger Handelsdampfer der Rickmers Werft in Bremerhaven. Rickmers Werft lässt ein paar Glocken klingeln, schließlich wohne ich in Hamburg und die Rickmer Rickmers liegt an den Landungsbrücken als Museumsschiff.

Die Sophie Rickmers lief 1920 vom Stapel und war ab 1922 auf der Ostasien Route der Reederei unterwegs. Sie sucht im August 1939 in der Bucht Pria Laot vor Pulau Weh Zuflucht vor  britischen und holländischen Kriegsschiffen. Die zivile Besatzung verbrachte einige Zeit auf der Insel, versuchte einerseits das defekte Schiff wieder fahrtüchtig zu bekommen, anderseits wartete sie auf die Genehmigung zum Auslaufen. Als Nazi-Deutschland im Mai 1940 den Westfeldzug anküdigt, wird der deutschen Besatzung auf dem deutschen Schiff in der Bucht vor dem holländischen Kolonialgebiet wahrscheinlich recht schnell klar, dass sie in Schwierigkeiten stecken. Kapitän Harms entschied, dass sie nicht zulassen konnten die Sophie Rickmers von den Niederländern konfiszieren zu lassen. Auf seinen Befehl hin traf die Besatzung Maßnahmen zu Selbstversenkung, die dann tatsächlich durchgeführt wurde sobald das holländische Militär an Bord gekommen war um das Cargo-Schiff unter seine Gewalt zu nehmen.

Und deswegen liegt jetzt auf einer Tiefe von 37 Metern bis zu einer Tiefe von 55 Metern die Sophie Rickmers vor Pulau Weh und wartet darauf betaucht zu werden. Aufgrund der Tiefe ist das natürlich kein gewöhnlicher Tauchgang und wird nur für erfahrene Taucher angeboten. Wir machen den Tauchgang als eine Gruppe von Dive Master Trainees im Anschluss an unsere Tieftauchausbildung.

Ein Tauchgang in solchen Tiefen kommt um einen bzw. mehrere Dekompressionsstops nicht aus, aus Tiefen über 30 Meter kann auch nicht mehr einfach direkt aufgetaucht werden ohne schwere Verletzungen zu riskieren. Daher erfordert der Tauchgang einiges an Planung und Vorbereitung und auf einmal finde ich das doch alles ganz spannend.

Wir machen den sogenannten „Deep-Check“, ein Tauchgang der ein identisches Profil aufweist und den wir an einem uns bekanntem Tauchplatz durchführen. Wir gehen auf die gleichen Tiefen, machen die gleichen Deep-, Dekompressions- und Safetystops die wir auch beim Tauchgang zur Sophie Rickmers gehen werden. Wir nehmen 15 Liter Flaschen statt wie sonst 12 Liter Flaschen und wir haben eine sogenannte „pony bottle“ dabei. Dabei handelt es sich um einen kleinen Tank mit seperatem Atemregler, so haben wir eine unabhängige Luftquelle sollte einer von uns diesbezüglich in Bedrängnis kommen. Den Deep-Check machen wir in Batee Tokong, einem meiner Lieblingstauchplätze.

Der Tiefenrausch

Ab einer Tauchtiefe von etwa 30-40 Meter können Symptome des sogenannten Tiefenrausches auftreten. Die verschiedenen Gase, die wir mit der Atemluft aufnehmen sind natürlich unter normalen atmosphärischen Bedingung völlig unbedenklich, sonst hätten wir ständig Probleme zu atmen. Unter außergewöhnlichen Bedingungen aber, wenn der Partialdruck der einzelnen Gase zu hoch wird, kann es zu Vergiftungen durch diese Gase kommen. Beim sogenannten Tiefenrausch liegt eine Vergiftung durch Stickstoff vor. Stickstoff wirkt dann mit einem unterschiedlichen Schweregrad als Narkotikum, wenn der Partialdruck etwa 3 bar beträgt. Allerdings kann die Wirkung personenabhängig und auch tagesabhängig variieren. Der Taucher gerät in den Tiefenrausch, wird euphorisch, verliert die Kontrolle und die Selbsteinschätzung und kann so in Gefahr geraten. Aber auch Angstgefühle und Beklemmungen gehören zu den Symptomen. Der Tiefenrausch lässt sich ganz einfach auflösen, indem man in geringere Tiefe auftaucht. Die eingeschränkte Urteilskraft kann hier aber natürlich hinderlich sein.

Ich würde sagen, dass der Tiefenrausch bei mir eher so wirkt, dass ich etwas vorsichtiger, vielleicht etwas ängstlicher werde. Ich schaue viel auf meinen Tiefenmesser und ich schaue viel auf meinen Computer. Ich habe immer Angst vor Kontrollverlust und bin deswegen extra vorsichtig. Auch zum Beispiel wenn ich Alkohol trinke. Von daher verhält sich mein Verhalten bei Tiefenrausch tatsächlich ähnlich wie bei einem Rausch. Aber es lässt sich nicht verhehlen, ein bisschen Tiefenrausch ist nicht zu verachten. Schon beim Deep Check fand ich alles wunder-, wunderschön. Es ist natürlich auch wunderschön da unten. Vor allem auch der Tauchplatz an dem wir den Deep Check gemacht haben. Aber so ein kleiner Rausch macht halt vieles noch mal viel wunder-, wunderschöner. Ich kenne mich eigentlich ganz gut und habe keine Angst davor völlig ausser Kontrolle zu geraten durch den Tiefenrausch, aber in einer Gruppe kann natürlich immer etwas Unvorhergesehenes passieren.

Bei uns ist allerdings alles gut gelaufen und so machen wir uns zwei Tage nach dem Deep Check auf zur Sophie Rickmers. Unser Instructor und Mentor Albert gibt uns ein ausführliches Briefing und mir gefällt, dass der Tauchgang unter sehr kontrollierten Bedingungen stattfindet. Albert weiß genau in welcher Minute des Tauchgangs wir wo genau sein werden. Strömung gibt es am Wrack üblicherweise kaum und wir tauchen den vorderen Teil des Wracks.

Unser Tauchplan zur Sophie Rickmers

Unser Tauchplan zur Sophie Rickmers

Man merkt, dass die Stimmung auf dem Boot eine etwas andere ist. Wir sind alle ein bisschen aufgeregt und freuen uns. Und dann tauchen wir ab. Die ersten Meter gibt es nichts zu sehen, wir tauchen an der Leine runter. Und dann irgendwann kristallisiert sich in der Tiefe ein beeindruckendes Bild heraus. Das Wrack ist riesig und man kann es nicht komplett sehen. Die Sophie Rickmers ist immerhin 134 Meter lang. Wir haben 18 Minuten sogenannten Bottomtime, das heißt nach 18 Minuten auf einer Maximaltiefe von 51 Metern machen wir uns an der Leine entlang wieder auf den langen Weg in Richtung Wasseroberfläche. Wir tauchen über das Deck des Dampfers, durch den gebrochenen Mast hindurch und über die Luken hinweg. Wir tauchen über die Reling und an dem massiven Wrack zum Bug hin. Dann sehen wir sie von vorne und ich bin wirklich beeindruckt! Wir haben nicht das Glück, dass wir zum Beispiel einen großen Rochen über das Deck der Sophie schweben sehen aber trotzdem ist dieser Tauchgang ein unvergleichliches Erlebnis.

Nach 18 Minuten machen wir uns dann auf den Rückweg. Und das ist leider langweilig. Wir planen einen Deepstop von einer Minute auf 22 Meter. Einen von 2 Minuten auf 12 Metern. Auf 9 Metern bleiben wir 5 Minuten und auf 6 Metern 8. Auf 3 Metern hängt unsere Sicherheitsflasche (die keiner von uns benötigt) und hier sind eigentlich – je nach Computer – 20-25 Minuten eingeplant. Da wir uns als Gruppe aber nach dem konservativstem Computer richten und ein Mitglied der Gruppe einen sehr konservativen Computer hat werden es eher 35-40 Minuten auf 3 Metern. Und da ist nichts. Und da kann man sich nicht unterhalten. Und dann wird es auch noch wirklich kalt. Insgesamt dauert der Tauchgang 76 Minuten und obwohl ich normalerweise gar nicht frostig bin ist mir eiskalt zurück auf dem Boot.

Das Gehäuse meiner GoPro ist für diese Tiefe leider nicht geeignet, so dass ich keine Bilder liefern kann und wahrscheinlich ist es auch besser, dass ich mich komplett auf den Tauchgang konzentrieren konnte. Ich wollte eigentlich gerne noch ein zweites Mal zur Sophie Rickmers tauchen, leider hat sich das nicht mehr ergeben. Ich bin aber sehr froh diesen Tauchgang gemacht zu haben und kann es nur empfehlen.

über

Diplom-Soziologin, Produktmanager und Certified ScrumMaster. In Hamburg zu Hause, in München dahoam. Mehr zu mir gibts hier.

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